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Ankommen

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Ankommen

Als ich das erste mal eine Idee davon bekomme, warum ich eigentlich nach Istanbul – diese 13-20 Millionen Einwohner beherbergende, im Laufe und ob ihrer Geschichte immer wieder umbenannte, niemals schlafende Stadt – gezogen bin, um hier fast ein Jahr zu leben, ist schon über eine Woche nach meiner Ankunft vergangen und ich sitze auf der Fähre nach Üsküdar. Eines dieser Schiffe, varpur oder motor genannt, welche die Menschen über den riesigen Bosporus schiffen. Über den Boğaz, die Meerenge zwischen Asien und Europa mit Anschluss an das Schwarzmeer, die Straße von Konstantinopel, die allgegenwertige und über alles prägende Landmarke Istanbuls.

Die Galatabrücke in Schwarz/Weiß

Allah Alla Ya, was war das für ein Moment: die Sonne ist bereit, vor den spitzen Minaretten der alten Moscheen auf der europäischen Seite, unterzugehen, und wirft zum Abschied ihre Strahlen so blendend-golden auf das ansonsten so seltsam türkise Wasser, dass ich meinen Blick vom sich bis zum Horizont reichende Schwarzmeer abwenden muss und in Richtung meines neuen Zuhause schaue, wo sich ein weiteres Meer - diesmal aus in warmes Abendlicht getunkten Häuserfronten bestehend -erstreckt. Um mich herum scheinen auch alle Alteingesessenen das Panorama schweigend zu genießen – soviel Romantik nutzt selbst bei der tausendsten Fahrt nach Asien nicht ab.

Es brauchte diese geballte Ladung fast schon kitschiger Schönheit auf den Fähren, um mich aus den Gedanken an meinen wehmütigen Abschied aus Berlin loszureißen. Viel habe ich zurückgelassen: Berlin im Sommer, rauschende Feste, liebgewonnene Freunde und das Gefühl der Geborgenheit in der anderen Metropole Europas – all‘ das erschien mir mit näher rückendem Abschied immer mehr wie ein Märchen, durch das ich mit zunehmender Geschwindigkeit von Neugier und Entdeckergeist getrieben wurde, und dass ich so schnell nicht vergessen kann.

Ausschnitt aus dem Abschiedsrave

Als ich aber die Augen zukneife und wieder in dieses Glitzern im Wasser schaue, zerfließen die sonnigen Reflektionen zu einem weiteren goldenen Märchen. Wie ein Schatzsucher bin ich nach Istanbul gekommen, nicht wissend, was mich hier erwarten würde und doch von einer bestimmten Ahnung angetrieben, dass es hier etwas Wertvolles zu entdecken gibt. Bilder von Tausend und einer Nacht verschwimmen mit den Erzählungen von Freunden, träumerischen Verklärungen Orhan Pamuks in seinen Büchern und den vielen anderen unendlich romantischen Bildern und Karten, die schon so viele von dieser Stadt in meinem Kopf und anderswo gezeichnet hatten.

Ich schaue dem Vapur-Schiff hinterher

Man verfolgt ja letztlich oft eher die Idee von etwas, als dessen Tatsächlichkeit, malt sich Bilder aus, die einem in der Realität dann ganz anders gefärbt vorkommen. So habe ich in meinem Goldrausch viele Dinge nicht bedacht und geplant, einiges ganz ausgeblendet und bin dann bin ich einfach losgestürmt. Meine ersten Schritte in diesem Abenteuer sind dann auch, wie es sich für eine solche Schatzsuche - und wohl auch für meinen grundsätzlich eher zerstreuten Kopf - ziemt, recht unruhig, fast stürmisch.

Schon bei meiner Ankunft mit dem Flugzeug – mit mir die Morgensonne – sehe ich von ganz oben, kurz unter den Wolken, die ersten Fähren über den Bosporus gleiten. Auch um sechs Uhr in der Frühe ist mir klar, dass sich die Ruhe am Flughafen als trügerisch im Gegensatz zu dem erweisen würde, was mich stadteinwärts erwartet:

Die Istiklal Caddesi

Ein Meer aus Menschen ergießt sich über die Straßen des Zentrums, gespeist aus dem stetig fließenden Strom aus Autos, Bussen und dem allgegenwertigem Dolmuş, dem Kleinbus, der überall - auch mitten auf der vierspurigen Hauptstraße - anhält, um Fahrgäste zu angeln und sie später zurück in diesen stetig verkehrenden Fluss zu werfen. Und auf irgendeinem kleinen Kahn schippere ich. Zur Uni. Ins Hostel. Die steilen Straßen hoch, in die Istiklal Caddesi in Taksim, dem Korallenriff Istanbuls. Grell, bunt, oberflächlich, mit tiefen Löchern an den Seiten, bebend vor Leben. Noch weiß ich nicht um die feinen Gassen, die sich von dieser Hauptschlagader des europäischen Partystanbuls abzweigen und sowohl stinkende Kloaken als auch erfrischende Brunnen zugleich bieten können. Ich lasse mich treiben, aber so ganz wohl fühle ich mich nicht – mir fehlt der sichere Hafen, in den ich zurückkehren kann, eine Wohnung. Die Suche gestaltet sich im Laufe der Woche schwieriger als gedacht – irgendetwas nimmt mir die Luft aus den Segeln, und würde es nicht die kleinen Inseln der guten Momente geben, ich wüsste nicht ob ich die erste Woche meines kleinen Abenteuers hier so unbeschadet überstanden hätte.

Die Kinder von der Straße, die im Schatten der Bäume erst meine Haarpracht bewundern und dann verzückt mit meinen Kopfhörern im Ohr und geschlossenen Augen zu Berliner Musik über die Pflastersteine schweben. Der enthusiastische Herr mittleren Alters, der mich an den Tisch zum kostenlosen Armen-Iftar (es ist Ramadan!) zieht, und meine Tischnachbarn, die mir von allen Seiten Essen auf den Teller schaufeln. Die anzüglichen Witze von Käpt’n Memo, dem Seefahrtstudenten, während wir um 3 Uhr nachts Käsetoast essen. Diese Inseln der Gastfreundschaft und Herzlichkeit weisen mir den Weg und lassen mich das Ufer nicht aus den Augen verlieren. Die Wohnungssuche zehrt an mir, bis dann auf einmal alles ganz schnell geht, und Mustafa zu mir sagt: “Leg dich doch einfach auf’s Bett, du siehst müde aus. Ich koch erstmal was.“ Mustafa.Und Fatih, den ich das erste mal nur mit Jogginghose und Kochschürze bekleidet, einem mit einem breitem Grinsen vor einem Haufen Sardellen, hamsi, stehen sehe - die beiden Retter, meine Felsen in der Brandung, meine neuen Mitbewohner.

Mein Schatten auf meiner Straße

Ankommen? Das war schon eine Reise, und alles fühlt sich immer noch nach Anfang an. Ganz langsam, mit einer mir selbst schon fast unheimlichen Geduld, taste ich mich jeden Tag ein Stückchen weiter in dieses Istanbul hinein, schlage mein Lager auf, lerne diese Insel zwischen den Kontinenten kennen. Grüße den Mann, der uns wohl auch in Zukunft des öfteren den Kühlschrank ersetzen wird, weil der alte mal wieder nicht funktioniert – auf dem Weg von der Fähre. Vollgepackt mit Tüten voll Obst und Gemüse, den Geruch der gerade beginnenden Fischsaison noch in der Nase. Runzle die Stirn über eine der Millionen Katzen Istanbuls, die sich gerade am Mülltütenberg der Seitenstraße vergeht, und mir frech entgegenmauzt. Freue mich über den entspannten Gesichtsausdruck des Alten, der da jetzt schon seit vorvorgestern in der Sonne zu sitzen scheint – seine Zufriedenheit nicht mit einem Lächeln, sondern mit ruhig ineinander gefalteten Händen und Pose Ausdruck verleihend.

Auf der Fähre habe ich es gesehen, dieses verlockend goldene Glitzern der Facetten Istanbuls auf der Oberfläche des Bosporus. Jetzt hole ich tief Luft und tauche ein – voll Spannung, welche Schätze ich wohl finden mag.

Ich vor einem der tausend Sonnenuntergaenge Istanbuls