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Nebel

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Nebel

Wenn ich morgens aus meiner Haustür trete, haste ich die Straße hinunter. Vorbei an diversen Geschäften für Gebrauchtmöbeln, Gebrauchtkühlschränken und Gebrauchtschuhen, der Ecke, an der immer zwei bis drei Herren mit ihren Karren stehend so etwas wie Trödel verkaufen, über den Platz, wo sich ab Mittag die alten (und jungen arbeitslosen) Herrschaften versammeln, um die viele Zeit mit Tee und Tavla totzuschlagen (hier bellt meistens der Schäferhund aus dem Tiergeschäft den verschlafenen Geistern sein Guten Morgen entgegen) durch die schmale Gasse am Gebäude der Stadtverwaltung werden meine Schritte immer schneller. Viel zu spät, zum Glück geht es die ganze Zeit bergab. Dann am Springbrunnen rechts an der Moschee vorbei, an der vor ein paar Wochen noch ein Knäuel Katzenbabys in einem Holzkasten weilte und dann, genau an dem Tag, an dem ich mir das orange-weiße Knäuel haschen wollte, verschwunden war; die meistens schon mit Autos, Sammeltaxis und Bussen verstopfte Straße entlang an den stetig ihr Essen anpreisenden Dönerci und Börekci vorbei. Jetzt endlich sehe ich den Bosporus, dessen Farbe wie eine tägliche Laune zu wechseln scheint und mich so jeden Tag mit einem neuen Anblick überrascht - auf der anderen Seite Europa, mit seinen hohen Wolkenkratzern, die in den Himmel stechen und den endlosen Meer aus Häusern ein markanteres Profil verleihen.

Diesen Morgen jedoch stehe ich stattdessen vor einer grauen Wand. Von dem Schiff an der Anlegestelle kann ich nur die ersten paar Meter ausmachen, der Rest ist durch einen dicken undurchdringlichen Nebelschleier verhüllt, der somit das sonst atemberaubende Panorama auf der anderen Seite undurchdringlich erstickt.
Ob dieses wirklich beeindruckenden Sichthindernisses sind die Kapitäne nicht Willens ihre Fähren zwischen den zwei Kontinenten zu bewegen, da sie von ihrer Kabine aus noch nicht einmal den Bug ihres Schiffes erkennen können. Die dicke Nebelsuppe muss nun also von allí den eurasischen Pendlern - also auch mir - ausgelöffelt werden. Auf dem Seeweg, der ganz sicher wichtigsten Verbindung in dieser sich sonst ständig bewegenden Stadt, ist alles zum halten gekommen. Nichts geht mehr - hiÁbir sey. Ob in der Mitte der Meerenge die großen Frachtschiffe und mächtigen Tanker noch die Passage wagen, vermag ich nicht zu erkennen, vermute allerdings, das sich außer ein paar Möwen und ein paar unerschütterlichen Fischerbooten gerade niemand auf dem Bosporus findet.
Dafür stehen um mich herum reichlich mit Mäntel und Schals vermummte Istanbuler, die jetzt alle darauf warten, dass sich die Sonne ihren Weg durch das Grau strahlt, somit den Nebel lichtet und alle zu ihren Arbeitsstellen können.

Die Anlegestele - Mit und ohne Nebel

Da heute mein erster Praktikumstag im Krankenhaus ist, sollte ich eigentlich nervös werden - dank der allgemeinen Gelassenheit aller Wartenden fange aber auch ich an, das ganze hinzunehmen - eine Eigenschaft, die ich an den Istanbulern immer mehr schätzen lerne. Während ich in Berlin jetzt großes Jammern und klagen erwarten würde, verwendet die immer größer werdende Menschenmenge hier ihre Energie vorzugsweise mit dem Einreihen in die nicht enden wollenden Schlangen vor den Bussen, die Richtung Bosporusbrücke fahren, oder, weil man ja wirklich nichts gegen diesen Nebel machen kann, mit dem Kämpfen durch die nicht weniger imposante Menschenansammlung vor den Imbissbuden, um einen Styroporbecher heißen Tee von den mittlerweile völlig überforderten Teeverkäufern zu ergattern. Hier beobachte ich ein weiteres mal, dass die sonst große Rücksichtsname aufeinander im Istanbuler Alltagseben bez√ľglich lediglich zwei Dingen aufgehoben zu sein scheint: beim Betreten und Verlassen der öffentlichen Vekehrsmittel sowie dem Bestellen von Tee.)

Viele Leute warten auf mehr Sicht

Die sonst immer auf alle äußeren Umstände sofort reagierenden Straßenverkäufer (Regen: Regenschirme; Kälteeinbruch: Wärmflaschen; Freitag: Gebetsketten) scheinen noch im warmen Bett zu liegen, lediglich ein paar findige Simit-Verkäufer haben ihre Wagen in die frierende Menge vorgezogen und verkaufen in den folgenden zwei Stunden wohl ihr sonstiges Tagespensum.

Nebel hat die leidige Eigenschaft, Kälte bis in den letzten Winkel der eigenen Verhüllung zu tragen. Da auch die anderen wartenden nach einer Stunde vor dieser grauen, nicht lichter werdenen Nebelwand ebenfalls durch und durch gefroren zu sein scheinen, wird die kurzzeitige öffnung des Suppenwagens der Stadtverwaltung mit einer weiteren dankbaren Schlange angenommen, so dass auch hier das warme Gebräu, den sich st√§ndig leerenden Teekesseln gleich, nach kurzer Zeit aufgeschlürft ist.
In solchen Momenten bin ich immer sehr dankbar für Musik auf den Ohren - während die Umstehenden gegenseitig ihre Zeitungen austauschen, sich gegenseitig Zigaretten anbieten - trotz abschreckender Bilder auf den Zigarettenpackungen raucht hier vom Jugendlichen bis zum Greis so ziemlich jeder mehr oder weniger viel - †oder an einem der mindestens zwei eigenen Mobiltelefone die eigene Verspätung ankündigt - kann ich also zumindest mit den Füßen wippen. Nach einer weiteren Stunde des Wartens, in der ich nicht die leiseste Veränderung in Graunuance bemerken kann, und auch von den Anlegestellen-Mitarbeitern nur ein müdes Schulterzucken kommt, beschließe ich den Rückzug anzutreten.

Zuhause sind mittlerweile auch schon meine beiden Mitbewohner aufgewacht, und lachen mit mir beim Frühstück mit Sucuk & Ei und unbegrenzten warmen Tee herzlich darüber, dass etwa zehn Minuten nach meiner Heimkehr die Sicht sich massiv verbessert und wir aus meinem Zimmer schon wieder die Anzeigetafeln am Taksimplatz in Europa erkennen können.